Genial-Genital
Fotos von Manuel
Laval
Die
Kurzfassung
Ein Großteil unserer Kultur beschäftigt sich mit Partnerbeziehungen und Sexualität. Ein körperlicher Bereich wird jedoch meistens ausgespart. Genitalien werden nur in der Pornografie ausgiebig gezeigt. In einen ästhetischen und kulturellen Zusammenhang werden sie selten gesetzt.
Es existiert in unserer Kultur eine Lücke, ein weißer Fleck auf der Landkarte unserer Beziehungen.
Ich versuche diese kulturelle Lücke mit meinen Fotografien zu schließen. Die BetrachterInnen zum Nachdenken über das Verhältnis zum eigenen und fremden Körper und über die Lust beim Sehen anzuregen.
Meine Fotografien laden die BetrachterInnen ein, Voyeurismus als angenehm und positiv zu erleben,
denn:
Aufregendes kann ästhetisch sein!
So lade ich Sie auf dieser Site ein, zu schauen, zu träumen oder auch nachzudenken. Vielleicht alleine für sich oder auch zu zweit oder ...
Der Hintergrund
Meine Fotografien richten sich gegen vorhandene sexuelle Tabus.
Warum gerade in der jetzigen Zeit, gegen welche Tabus denn noch, wo verstärkt Berichte über Kinderpornographie, Mädchen- und Frauenhandel etc. durch die Medien gehen? Wo in Talkshows, Presse und anderen Medien (siehe in der Politik die Affäre Clinton-Lewinsky) auch kleinste sexuelle Details oder Verhaltensweisen an die Öffentlichkeit gezerrt werden? Wo alle beteuern, alles sei erlaubt, jeder könne sich ausleben?Beim genauen Hinsehen erkennt man, daß der Begriff sexuelle Freiheit" oberflächlich und fassadenhaft ist.
Uneingeschränkt findet nur die kommerzielle Ausbeutung der Erotik in Pornografie, Prostitution, Stripshows, Werbung oder der Yellow-Press statt. Selbst Illegales ist fast uneingeschränkt verfügbar (Zunahme des Handels mit Kinderpornografie).
Die Kommerzialisierung der Sexualität macht auch vor Problemthemen wie Kinderpornografie, Aids, und Gewalt nicht halt. Diese werden in den Medien marktschreierisch breitgetreten und statt sinnvoller Aufklärung erfolgt eine Hysterisierung der Gesellschaft. Die Einschaltqoute steht vor klarer Berichterstattung, offener Diskussion, und sinnlicher Erfahrung.
Die Sexualität als schönste zwischenmenschliche Begegnung, wird überwiegend vom Geld beherrscht. Junk-Sex ist in. Trivialität regiert die Sexualität. Sex und Erotik haben dadurch einen faden Beigeschmack bekommen und können in der Kultur kaum noch unvoreingenommen verwendet und eingebunden werden.
Viele KünstlerInnen haben Angst davor, sich mit Erotik zu beschäftigen und diese darzustellen, weil sie befürchten, in die Schmuddelecke" sortiert zu werden. Es bestehen auch konkrete Einschränkungen, wie Zensur im Fernsehen, im Kino, Angst bei den Fördergremien, bei Redakteuren u.s.w. So ist es nicht möglich, eine tabufreie erotische Szene in einen kulturell wertvollen Film zu bringen, ohne in den Verdacht des schlechten Geschmacks, der Spekulation zu kommen. Der Schere im Kopf fallen freizügige Szenen, obwohl sie dem Film gut täten, zum Opfer, da eine einzige zu offene Szene das ganze Projekt durch rechtliche Probleme, Zensur, schlechte internationale Vermarktungsmöglichkeit, u.s.w. gefährdet.
Auf der anderen Seite entstehen merkwürdige Zensurauswüchse wie z. B. in Japan: Pornografie (sogar mit Kindern) darf gehandelt werden, wenn nur die Genitalien und Schamhaare durch Pixelung verdeckt sind.
Die Pornografie ist ein großer Markt. Die Bedürfnisse des Einzelnen diese zu konsumieren sind eigentlich legitim (Warum auch nicht?). Pornografie ist jedoch eindimensional, immer dasselbe: Lecken, Ficken, Blasen. Das ist Junk-Food-Sexualität. Kreativität und Phantasie bleiben auf der Strecke.
An erotischer Kultur, bzw. das was man so nennen kann, gibt es kaum etwas. Museen für erotische Kunst zeigen meist nur Oberflächliches oder wieder nur Pornografie. Nur selten findet man Kunstwerke oder Antiquitäten aus anderen Kulturen, die beweisen, daß Erotik und Sexualität in Kunst und Alltag unbefangen zu integrieren sind.
Selbstverständlich gibt es auch sinnvolle und notwendige Verbote: Gewalt gegen Kinder und Erwachsene.
Direkte Gewaltdarstellungen jeglicher Art haben in den Medien zugenommen, sind zum Massenkonsumgut geworden und die Zensur, auch gegenüber Kindern und Jugendlichen, wird weit weniger streng gehandhabt als im erotischen Bereich.
Beziehungen scheitern oft aus Gründen sexueller Unzufriedenheit, die partnerschaftliche Kommunikation über erotische Wünsche und Träume ist eher noch spärlich und mit Hemmschwellen besetzt (Was denkt der andere denn nur von mir, wenn ich meine Wünsche äußere?). Die Vielzahl der Beziehungen sind von Besitzdenken, Eifersucht, Unehrlichkeit, Sprachlosigkeit und Mißverständnissen geprägt.
Ergebnis: Die existierende erotische Kultur bringt uns auf Distanz, weg vom eigentlichen Erleben &endash; wir sind im Klischee gelandet.
Die Utopie
Kultur
ist ein Entwicklungsprozess. Meine
Utopie
ist, daß sich Erotik in der Kultur so weit entwickelt,
so offen diskutiert und so anerkannt wird wie Essen, Musik oder Freizeit. Unvoreingenommener
Gedankenaustausch fände statt. Überflüssig wären dann heimliches
Grinsen, süffisante Witze, und unausgesprochene Gemeinheiten zwischen Männern
und Frauen.
Sehen, Voyeurismus
würde
Spaß machen, ohne faden Beigeschmack, wäre nichts Negatives: schauen
mit Lust und Ästhetik. Exhibitionismus, sich zeigen, die Lust angeschaut
zu werden, wäre als Vergnügen anerkannt, nicht verborgen, oder in
ein Milieu (Strip, Porno und Co) verbannt, wo die Kommerzialisierung und die
gesellschaftliche Ächtung aus der Kultur eine Junk-Kultur machen.
Die Bilder
Ich versuche die ausgeklammerten Bereiche für die Kultur zurückzuerobern. Meine Bilder von Genitalen sind nur eine Möglichkeit, zum Nachdenken anzuregen. Auch die erotischen Performances, weitab von Discostrip und Tabledance, die ich zusammen mit der Gruppe ´Der Körper´ veranstaltet, führen aus dem üblichen heraus und zum Nachdenken und Genießen.
Dabei sprechen die Bilder verschiedene Ebenen an. Die ästhetische Ebene zieht den Blick an, sie erzeugt ein positives Gefühl. Die erotische Ebene kann, je nach BetrachterIn, erschrecken, provozieren, sogar abstoßen, aber auch anregen. Eine Rätselebene, da bei vielen Fotos nicht so ganz klar ist, wie sie gemacht sind und was sie genau darstellen. Das alles ergibt eine verwirrende, zum Nachdenken anregende Mischung.
Der Verstoß gegen das Tabu regt an und auf.
Beim Zeigen der Fotos (auf Ausstellungen, bei Performances) hat sich gezeigt, daß das Konzept funktioniert, die Fotos Nachdenken und Diskussionen auslösen.Beispiel: ein Paar fing an, sich über intime Details und Vorlieben zu unterhalten, die sie offensichtlich, obwohl sie schon jahrelang zusammenleben, noch nie untereinander diskutiert hatten.
Die Produktion
Die Fotos entstanden in enger Zusammenarbeit mit den Modellen, viele Ideen, viel Kreativität ist von dieser Seite eingeflossen.
Die Modelle sind durchweg keine Erotik- oder Model-Profis, sondern Freunde, Bekannte, Mitbewohner. Andere wurden durch eine Anzeige gefunden und sind zu Freunden geworden. In letzter Zeit melden sich auch selbst viele Menschen, die fotografiert werden wollen, da sie die Bilder gesehen haben, oder jemand Ihnen davon erzählt hat. Es ist also nicht allzu schwer Modelle zu finden, wenn nicht die Angst besteht in einer ´Schmuddelecke´ zu landen. Auch hier zeigt sich, daß ein breites Bedürfnis besteht mit Erotik und Sexualität offener umzugehen, vorausgesetzt, alles spielt sich in einem akzeptablen kulturellen Rahmen ab.
Um die Ästhetisierung zu erreichen, wurden viele unterschiedliche Techniken eingesetzt:
Farbiges Licht, bemalte Körper, wobei sich die Modelle entweder selbst oder gegenseitig bemalt haben oder ich die ´Colored People´ gestaltete.Leute auf einer Glasplatte wurden von unten fotografiert. In einem Pool und mit einem Spezialgehäuse für die Kamera entstanden Unterwasseraufnahmen.
Mit Projektionen, verrückten Requisiten und vielen andere Ideen wurde herumexperimentiert. So ist es gelungen, den pornografischen Blick zu vermeiden und nie gesehene neue Blicke und Einblicke zu finden.
Dabei sind alle Effekte und Merkwürdigkeiten vor der Kamera inszeniert. Keines der Fotos ist mit Dunkelkammertricks oder digitalen Bildbearbeitungsmethoden nachbearbeitet.